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Samstag, 16. Juli 2005 Ich drehe mich für viele Menschen, die ich noch nie gesehen hab, und für manche, denen ich immer wieder ins Gesicht schauen konnte. Muttis Kinder bringen mir von ihrem Balkon aus ein Ständchen. Wie ich es ihr vorausgesagt hatte, hat Selma jetzt eine Hautkrankheit. Nur eine ganz kleine, aber immerhin! Ich drehe mich für die de-li-zi-ö-se Crêperitesse. Die hat nie Pause und schaut mir mit einem Auge zu. Sie lacht und später schenkt sie mir einen Crêpe mit Zimt und Zucker. Heute schiele ich wie Aschenputtel zur Platzuhr hinauf - zur Abschlussgala will ich in Zivil sein. Das klappt gerade so. Alle Künstler und ihre Helfershelfer krabbeln auf die Treppe und hier dürfen wir Plüschtiere schmeißen. Heissa! Herr Bassi macht mit seinem Knuddeltier ziemlich ungehörige Sachen. Wahrscheinlich ist er schüchtern und kann so einen Augenblick nicht gut genießen. Und das ist doch eigentlich sympathisch. Ich will hier auch nicht ewig bleiben! Ich treffe meinen Mann an der Loge der Crêpedame und schenke ihm ganz viel Kamille! Heute ist seine lohnabhängige Knechtschaft nämlich vorbei. Jetzt können wir zusammen haltlos durchs Leben fallen! Selma hatte Recht. Anna singt, alle anderen auch, o moon! Wir finden uns in trauter Runde, der Philosoph auch und meine Freundin, die extra wegen mir von weit gekommen ist und mich dann nicht sehen konnte. Man hat sie angeblich hypnotisiert! Na, wer das glaubt...Es wird vier Uhr und es wird fünf und sechs und irgendwann muss auch das Glück ins Bett. Und Sonntagmorgens steh ich auf, wasche mich vom Kopf bis zu den Zehen und alles geht so langsam: Fünf Stunden Frühstücken! Ich sag ständig, was ich denke: "Was für ein wunderbarer Tag." Und auf dem Platz kann ich noch Abschied nehmen von Georg und Rudi. Mein Kostüm packe ich ein. Da steckt in meinem Schuh eine Zärtlichkeit von Freunden. Und aufgeräumt ist meine Garderobe im Grunde nur ein recht keimiges Stück Flur mit zerkratztem Spiegel und einem dreibeinigen Sofa geflickter Natur. Aber da liegt Glücksstaub auf der Erde, der erzählt von mir. Und dieser Raum ist nie mehr das, was er war. Auch diese Blechcontainer werden nie mehr ganz banal. Und wo die Zelte schon abgebrochen sind, scheint die Stadt durch: Die LOUISE, Sprayer bei legaler Arbeit, ein überwucherter Balkon. Ich geh zur Elbe, lieg am Wasser, seh diese ewigen Ballons, auf die Dresden nicht verzichten kann wie auf diese bedepperten Feuerwerke, und zum ersten Mal haben sich für mich die Räume dieser Stadt verknüpft und zwar mit mir. Ich sag jetzt mal was Persönliches: Ich komm ja nicht von hier. Meine Heimatstadt war genauso sonnig, gemütlich, gefällig und schön wie diese Stadt. Da bin ich abgehauen aus Angst vor Hirnlähmung als junges Ding. Aber eins hab ich doch stets vermisst: Den kölschen Karneval. Und wer von Euch jetzt sagt: "Igitt", den frag ich: Was hattest Du für ein Gefühl in den vergangenen zehn Nächten? Also. Dann weißt Du, was ich meine. Tja, eigentlich wollte ich immer ganz schön weit weg. Doch das kümmert mich augenblicklich einen Scheißdreck. Gerade jetzt fühlt es sich wie zu Hause an. Alles Glück der Welt wünscht Euch Kerstin Freitag, 15. Juli 2005 Um meine Begeisterung zu dokumentieren, wollte ich den Eintrag eigentlich hier beenden. Aber es siegt dann doch mein Sendungsbewusstsein. Es gibt eine anonyme Untergrundorganisation dreckiger Nöler. Diese Menschen zischen hinter vorgehaltener Hand, Anna-Maria hätte sich an den Film verkauft, anstatt zu singen, bis die Feuerwehr kommt. Pa! Diese Leute sind Weicheier, denn offenbar waren sie bei der letzten Mitternachtsshow schon in der Heia. Außerdem hätte Anamateur heute fast gar nichts gemacht! Ihre Jungs haben sie einfach so in das Freigehege hinter der Scheune gesperrt und saßen dann seelenruhig da und lachten sie fingerzeigend aus. Diese Bengel! Zum Glück ist die Diva Profi und hat selbst so einen Sohn. Also freute sie sich mit und hopste im letztmöglichen Augenblick auf die Bühne. Hab ich eigentlich jemals die de-li-ziö-sen Crêpes erwähnt? Die de-li-ziö-sen Crêpes! Herr Hundertpfund wird oft gelobt, aber ich habe gesehen, wie er sich mit Verhütungsmitteln die Nase putzt. Das erinnert mich an meine Jugend und meine Jugend war nicht schön. Zum Glück ist sie vorbei! Darum kann ich mich heute alleine ausziehen. In der Mitternachtsshow gibt es einen Überraschungsstar: Frau Dr. Grünmeffert ist Zahra Leander! Bravo. Ein paar artistische Raufbolde werden von der Bühne geprügelt, um den fabulösen "Zärtlichkeiten" Platz zu machen. So offen ist die Bühne denn doch nicht! Obwohl, Oleg Z. und sein Pfleger Stefan drücken noch mal ihre Lebensfreude aus und sind damit das einzige anarchistische Element des Abends außer: LEO BASSI. Morgen wie alles andere zum letzten Mal! Eine Dame, die das Glück mit Mäkeleien bedachte, fragte ich spät, wie denn ihr Glück sei. Sie sagte knapp. "Es duftet." Okay, Lady, komm zu mir morgen Nacht auf Siebensternenschuhen und dann zeig ich Dir was Duftes! Aber: Was kann uns jemals wirklich glücken? Meldet Euch! Kerstin Donnerstag, 14. Juli 2005
Muttis Kinder sehen gut aus und im Laufe des himmlischen Abends bewiesen sie auch ihr fragiles Können: Wie drei Nachtigallen zwitscherten sie erstaunliche Medleys von der Balustrade des "Blauen Wunders" herab zur Ankündigung ihrer Show. Ich wär so gerne hingegangen! Doch leider entfiel die erste Darbietung wegen eines technischen Defekts und Das-kann-nur-Markus war nicht da. Der brachte gerade mit Anamateur den Saal zum Kochen. Ich nutzte die vergebliche Wartezeit für ein Kurzinterview mit Utz Pannike. Ich erfuhr, dass er gern Tee trinkt und selbst auch Bücher liest. Ich finde, das ist eine besonders perfide Form der Extravaganz! Er kannte Kerstin übrigens nicht. Ich hab mich dann mit Sensationslust getröstet und mir ein neues Foto von Jim Whiting machen lassen. Diesmal ist es nicht schwarz, aber es sind nur die Beine drauf! Nun glaubt mir kein Mensch, wie schön´s hier war... Doch weh tat mir nichts. Ich glaube fest, es ist völlig ungefährlich. Bisher gab es nur zwei bekannt gewordene Schlechtspringer und Jim Whiting hat in über zwanzig Jahren Berufserfahrung nur einen Prozess verloren! Heute ist Glücklichmachen ein großer Spaß! Ich dreh mich und dreh mich und darf auch für Menschen spielen, die ich verehre, Johann Vogelflug z.B. (tu connais?), und Selma durfte ICH die Zukunft weissagen! Es war schön alle die Zeit, und ich glaube - auch wenn Ihr jetzt buh und bäh stöhnt - wir verdankten dieses Glück der mit Flaschenkontrolle kombinierten Einlassbeschränkung. Ich bin stolz auf unsere Jungs da draußen! Sie machen einen guten Job. Pater, segne sie! Allerdings blieb es gerade der "Church of Häppinäss" nicht erspart, ein Schäfchen, das zu lange an der Tränke gestanden hatte, exkommunizieren zu müssen. Zum Glück wird morgen wieder getauft! Es dreht sich herrlich zu den Klängen der großen Krambambuli. Darum haben sie damals auch auf meiner Hochzeit gespielt. Hm? Ja, ich bin schon verheiratet. Mein Mann bestaunt mit einer anderen Frau LEO BASSI (Freitag und Samstag jeweils 23 Uhr!!!!!!!!!!). Tja, beste Gelegenheit, mich noch ein allerletztes Mal dem charmanten Begleitservice Dorschner anzuvertrauen, denn - morgen schon tourt das bluelab durch Osteuropa! Heute wurde das Mädel zum letzten Mal zerlegt. Ich bin aber sicher, mancher Junker nähme sie auch im Stück. Viel Glück! In meiner Garderobe steht Olga in Unterwäsche, einfach so. Sie ist auch prominent, da laß ich´s mal durchgehen. Heute habe ich Besuch. Ein Philosoph, der einst mit dem Glück zur Schule ging und jetzt in Dresden tagt. Er hat ein Akademiker-Rollköfferchen bei sich, blickt hilflos um sich und hat mich an der Stimme erkannt. In Zivil feiern wir uns mit Mixgetränken, mein Mann und andere diskutieren heftig über Bassis Melonen. Der Magier von den "Zärtlichkeiten", Maximikado-Star Georg Traber und der BEKANNTE Rudolf Steiner schwimmen vorbei, jeder zeigt einen Zaubertrick - und schwupp sind sie weg, von der Nacht verschluckt. Das Zentralzelt ist magnetisch aufgeladen, auch ich nähere mich zusammen mit meinem alten Freund. Anna-Maria ist die Königin dieser Nacht. Wo ist Hartmut? Ich hab gar nicht adieu gesagt... Wehmütig tapsele ich nach Hause, der Philosoph mit Rollköfferchen hinterher und erläutert mir meine Kunst als selbstreflexives Glück, das Glück verstanden als erfüllter Augenblick, wobei das käufliche Glück anders als die Aristotelische Glückseligkeit das Flüchtige bietet und hierbei die Schaustellerei mit den Mitteln des Gauklertums reflektiert. Wir haben noch viel gelacht und morgen kann ich Euch zeigen, wie das geht mit der diskursiven Konversationsintimität. Florian "Babelfish" Feisel hat geschrieben! Und zwar: Dass es schön mit uns war! Hach. Und irgendwas von einer silbernen DAKOTA-Jacke mit Pelzkragen, an der die Erinnerung an eine wichtige Liebe hängt. Ob jemand diese Jacke fand und - wenn ja - sie wiedergeben mag?! Aber: Ist "wichtige Liebe" nicht eine Tautologie? Meldet Euch! Und: trinken wir jetzt einen oder was? Kerstin Mittwoch, 13. Juli 2005 Ich flüchte schnell ins bluelab, wo es dann endlich wahr wird: Erst visualisiert sich eine Männerphantasie, dann werden unter dem unablässigen Gemurmel des Schamanen und hübscher Blasmusik abstruseste Wunderbeweise angetreten - und endlich wird aus der Schablone ein Weib, das sich, wie gesagt, gewaschen hat. Toll! Da haben sie aus feministischer Sicht gerade noch so die Kurve gekriegt. Aus familiären Gründen konnte diese Vorstellung nur in zensierter Fassung gespielt werden, aber das machte nichts. Schöner Scheiß. Der Direktor hat mich beim Rauskommen abgefangen. Er drohte, mir den Wagen wieder wegzunehmen, wenn ich weiterhin nur mich vergnüge! Also husch husch zacki zacki, aber ich hab dann doch noch bei Anamateur reingespingst. Solange ich da war, wurde leider nicht musiziert. Eine junge Frau sprach öffentlich über ihre Abtreibungswünsche und ein junger Spargel bekannte sich zu einer dominant-unterspannten Vollschlanken. Aus feministischer Sicht war die Show ganz schön hoihoi. Aus Insiderkreisen wurde bekannt, es handele sich um halt so Filmmusik, halt nur so´n Scheiß ohne Tiefgang. Jedenfalls, das "Zärtlichkeiten"-Programm ginge tiefer. Wie er das meinte, konnte ich seinem eiskalten Pokerface nicht entnehmen, ich ließ das mal so stehen. Egal, Dresden jodelte und raste,alles andere hätte mich auch schockiert. Heute um 20:30 und um 21:30 sind die Diva und ihr Testosteronhaltiger Mottenschwarm wieder zu erleben. Nur zwei Shows, dann wird die Jugend der Weisheit weichen: Um 23 Uhr spielt LEO BASSI im Saal 1,5 Stunden lang und kostet daher gerechtfertigte 10 Euro Eintritt. Geht hin. Ehrlich, glaubt mir! Zwischendurch fühl ich mich wie Kassandra. Es gibt Leute, denen sag ich: " Nimm was anderes, das nicht. Es gibt auch Nie-ten! Ehrlich." Aber die bestehen drauf. Das ist ein unangenehmer Aspekt an meinem Job. Vielleicht bräucht ich Supervision? Ich steh auch immer allen Kollegen im Weg rum, die reden schon über mich hinterrücks, das spür ich. Aber zum Glück nur nette Sachen! Hartmut Dorschner bringt mich wie ein Gentleman zur Garderobe und dann zieht er mir wie ein Gentleman den Rock übern Kopf. Hach! Soll ich ihm sagen, dass ich verheiratet bin? In der Mitternachtsshow passiert endlich mal was leises, vieles ändert sich, seit Olga gegen Jörg geputsch hat. Der begnadete Kantor aus dem Schaubudengötzendienst spielt tolles Zeug zur amourösen Pantomime eines Künstlers, dessen Namen ich nicht recherchiert habe. Vielleicht informiert mich mal irgendwer? Mann, Mann, Mann. Dann wird´s laut, so laut, dass der Direktor den Roady Markus zur Besinnung bringen muss. Zum Glück wird Markus später noch gelobt, da muss er sich nicht in den Schlaf weinen, schön. Und wer ist so laut? Die Langzeiturlauber, ihre Fans nennen sie zärtlich "Goshis". Eigentlich wollten die echten "Zärtlichkeiten" spielen, aber die lagen vom Unbill des Showbiz zermahlen und ausgesaugt im Saal und konnten nicht. Vielleicht morgen?! Ewig hab ich dort gesessen, schön war´s, so schön, dass ich die ganze Tränendrüsigkeit des frühen Abends schon unter den Tisch gekehrt und meinem lieben Mann die Grobheit fast verziehen hatte. Und wie ich in die Wohnung schleiche, da knistert und knastert es und ich bekomme einen zerknautschten Kuß und einen ganz langen Brief. Wenn er denkt, ich bin so eine, dann liegt er richtig. Wo wart Ihr eigentlich? Also, ich war da. Meldet Euch! Kerstin (Schnell, schnell, heute geht das Glück zur Steuerberaterin, um möglichst viele Glückscents zu behalten. Die ist streng und rollt die Augen, wenn man was fragt, und für diese jährliche Demütigung zahle ich dann Geld. Jetzt los, Tagebuch beim Busfahren, verzeiht mir bitte die säuische Schrift! Also:) Dienstag, 12. Juli 2005 Herr Hundertpfund ist neu hier und weiss noch nicht, wie alles läuft. Er trägt die Zuschauer einzeln in sein Zelt! Na, das wird er nicht lange durchhalten. Auch mit der Tontechnik kommt er nicht richtig klar. Zum Glück gibt´s hervorragende Roadies auf dem Platz. Die Leute sind viele, aber schüchtern. Das ist ja auch sympathisch, aber zieht sich dann für mich doch ein bißchen hin. Und grad, wie´s schon so spät ist und ich meiner lauschigen Garderobe so entgegen torkele, werd ich dauernd angesprochen. Toll! So ist das also. Die Leute wollen den Nervenkrieg! Ich muss nur öfter Mal in Richtung Garderobe schlendern, da kommen sie angekrochen. Ha! Ich wollte endlich mein Foto vom Flug mit dem Sessel, da ist der defekt und zwar bis morgen. Ach. Aber die Mitternachtsshow hat heute einen unvergesslichen top-act zu bieten: Die Gosh Brothers rocken das Haus! Ich meine, Glücksfee Olga mit Akustikgitarre ist auch nicht ohne, aber die Hui-Brüder sind irre. Morgen kriegen sie allerdings wohlverdiente Konkurrenz! Hey, Neustadt, clap your hands und alle: Einmal werden wir noch wach, heissa, dann spielen Anamateur und Gitarristen PLUS Zärtlichkeiten um 21, 22, 23 und 24 Uhr! (Mir ist dieser Rummel ja nix. Übrigens war die Steuerberaterin ganz nett und fragte immer: "Verstehen Sie?" Für diese Demütigung zahle ich gern.) Meinen Mann sehe ich heute zum ersten Mal seit Wochen. Er redet wirres Zeug bis ich heule. So sind Künstlerehen! The show must go on. Der Direktor sagt, Ihr könnt mir jetzt auch Post schicken. Da bin ich ganz gespannt! Wenn es intelligente Lebern gibt da draussen: Meldet Euch! Können wir mal was zusammen trinken. Kerstin Montag, 11. Juli 2005 Aber wie war der Abend? Vier neue Attraktionen auf dem Platz und zwei, die nicht gehen wollen - das verursachte ein glamouröses Überangebot. Meine freie Stunde in Zivil bin ich verwirrt von Bude zu Bude gelaufen, unfähig mich zu entscheiden. Pech. Dann eben Glück. Nichtsahnend auf dem Weg vom Klo zu meiner Garderobe bekam ich einen großen Schreck: Ganz starr und fast ohne zu atmen geschweige denn zu grüßen saßen da ein ganzer Haufen junger, verhungerter Menschen ohne Haare und meditierten zu elektronischen Sounds! Dann wurde mir klar: Die sind DEREVO und wollen nur spielen. Später haben sie in roten Kostümen den Schaubudensommer überfallen! Das war so schön, ich wär am liebsten mit gerannt. Aber ich bin schon gebunden... Morgen ist die allerletzte Chance, diesen Außerirdischen zuzusehen, wie sie mit jeder Faser ihres Seins Kunst schaffen, Kunst sind! Dienstag 21, 22, 23 UND 24 Uhr. Ich selbst war allerdings im Felgentreu-Grünmeffert-Theater. Und da gab es eine Sensation: Ich fand heraus, dass ich in meiner Dienstkleidung sitzen kann! Die Show war schöner sächsscher Scheiß. Es wurden Orffsche Instrumente ans Publikum verteilt und wir haben alle begeistert gerasselt und geklappert und fühlten uns wie die Naturgewalten in Schillers Bürgschaft. Das macht schon nachdenklich, dass erwachsenen Menschen so was toll finden von Zeit zu Zeit und mit so einfachen Mitteln Kriege verhindert werden können. Leider kann ich, wenn ich in meiner Dienstkleidung sitze, schlecht lachen. Und in Selmas Wagen hätt ich auch nicht reingepasst, aber ich muss sie dringend was fragen... Utz hat heute einmalig das Evangelium gespielt. Vielleicht kommt´s auch noch mal, die panische Not ist jedenfalls am Mittwoch wieder auf dem Platz. Das Publikum war platt. Dass ein einziger Mensch so viele Charaktere unterschiedlichen Geschlechts und sexueller Orientierung sein kann, ohne sich zu verheddern. Tja, der gute Wille ersetzt das Handwerk nicht! Obwohl, wenn ich Glück verteile, denk ich schon manchmal: Hossa, diese Menschen haben den unbeugsamen Willen, sich zu amüsieren. Toll! Ich fühlte mich angehimmelt. Drehen, drehen, drehen, Wind im Haar und im Gesicht, alle sollen es sehen! Nur aufhören soll es nicht. Zehn vor eins hab ich das letzte Los verkauft und war rechtschaffen müde. Aber zack, zack weiter in die Redaktion: Auf dem Laubgeschmückten Sonnendeck fanden sich meine IMs ein und erörterten die Lage. Die Gosh Brothers hatten nicht enttäuscht, rockiger denn je sogar, und der verschämte Einwurf, es könnte straffer sein, wurde gnadenlos ausgebuht. Zur "Zersägten Jungfrau" hieß es: "Erst dacht ich, hier kann man aber auch jeden Scheiß machen." Am Schluß wird es dann wohl aber doch noch haarsträubend. Zum Glück saß Hartmut Dorschner mit am Tisch und konnte uns selbst seine Kunst erklären: "Wenn ich da unwissend drin säße, dächt ich auch erstmal, was ist das denn." Die Testgruppe Alleinerziehender zieht Zwischenbilanz: Nix für Kids waren: Babelfish (wg. Fremdsprache), Zärtlichkeiten, Theatre la Puschkin, Voltini, is klar. Geeignet waren: Glückstück. Ich biete ihnen Geld, dass sie die Daten verschwinden lassen. Über Waschinsky höre ich immer wieder, das Programm ist gut, nur die Werbepausen stören. Es gibt noch die Möglichkeit, ihm in die Hände zu fallen, er hat offenbar seine Abreisepläne aufgegeben. Morgen erwarten wir Herrn Hundertpfund. Und: Die bekannte Bumerang-Band "Zärtlichkeiten mit Freunden"! Dabei hab ich ihnen gesagt, dass ich verheiratet bin. Hikohki Gumo sei wunderschön. "Weiß ich selber", raunze ich, "da war ich, außerdem pfeifen das die Spatzen von den Dächern. Diese Info ist keinen Pfifferling wert! Höchstens eine Marke vom Euro-Wash. Da!" Und dann bin ich die Marke los. Was ist mir so beschwingt zu Mute, obwohl ich mit meinem Sparschwein die inoffiziellen Mitwisser zum Schweigen bringen muss? Ich folge den guten Vibrationen ins Mitternachtszelt und traue meinen Augen nicht. Es wird getanzt! Der Dresdner als solcher tanzt! Hier! Wie heißt die Macht, die das entfacht? Wir kennen und wir lieben sie, sie nennen sich Krambambuli. Gerührt verfolge ich eine Art Kontinental- und Generations-Drift, bei dem sich Menschen annähern und überlagern, die noch vor Kurzem keine Berührungspunkte hatten. Hach! Auf nach Hause zum Süßen! Da steh ich vor verschlossener Zimmertür. Mein Mann hat einen anständigen Beruf und muss früh raus, bestimmt um acht, neun Uhr. Den soll ich nicht mehr stören. Ich trotte in mein eigenes Bett und denk mir aus, was ich morgen Selma frage: Haben Sonne und Mond je Aussicht auf glückliche Liebe? Und: Ist dieser Text nun zu lang? Meldet Euch! Kerstin Sonntag, 1. Juli 2005 Die Berner Studenten hatten nach eigener Einschätzung einen Riesenerfolg! Alle Vorstellungen voll und es gab sogar Tolldreiste, die sich´s hier zweimal gefallen ließen! Bei einem einstündigen Programm find ich das beachtlich. Jetzt konzentrieren sie sich wieder auf ihre Bühnenkarrieren und sind froh, endlich wieder ungeniert schwitzern zu dürfen. Grüezi! (Oder was sagt man für Tschüß - Izeürg? Na ja.) Ich hab schon eine Truppe Krishnas auf dem Platz erspäht, die sicher DEREVO sind, und ich freu mich schon! Und bestimmte Menschen können seit Nächten nicht mehr schlafen, weil´s bald in Urlaub geht. Am Meer. Mit den gosh brothers . Wenn man den Namen laut sagt, fangen sie an zu quieken. Apropos: Ich wär zwischendurch fast abgebrannt! Ein junger Mann hat mich gerettet. Er sagte: "Eh, du brennst." Das war aufregend! Dafür hab ich ihn mit in den Dschungel genommen. Der Direktor hatte endlich richtig gute Laune, da bin ich froh. Dann gibt´s für die Künstler nämlich auch abends was zu essen und er schlägt seltener und nicht so doll. Die Midnightshow wird immer anarchischer - das fahrende Volk erstürmt jetzt schon unaufgefordert die Bühne und macht dort oben, was ihm und uns gefällt! Plötzlich stand ich in der Franzosen-Ecke. Ich hab nix kapiert, aber Pater Pierre hat schöne Augen. Ich hab schnell meinen Mann geküsst, damit er weiß, was Sache ist. Herrlich und stürmisch wurde der letzte Zipfel der Nacht durch die Musik der verwegenen Vasili Guzman-Band. Hoffentlich wurde der Hut voll! Mein Sparschwein enthielt u.a. zwanzig tschechische Kronen und eine Marke mit der Aufschrift "Euro-Wash". Ich bin keine Studentin mehr und besitze daher einen Top-Lader. Kann jemand die Marke brauchen? Meldet Euch! Kerstin Samstag, 9. Juli 2005 Selbst konnte ich nur eine Aufführung sehen: "Mitoyen" vom Theatre la Ou. Der beste Film des Festivals! Und sehr berührend für solche wie mich, die im Neubau groß geworden sind. Das Stück zum Film war starker Tobak, kryptischer Text, skizzenhafte Vorgänge. Kunst ist manchmal so. Die Berner sind da! Schaut sie Euch an, morgen zum letzten Mal! Ein richtiges Ensemble, ihre Polonäse ist exakt wie ein Uhrwerk. Und die können toll singen! Haben sich auch den ganzen Abend eingesungen, ihre Garderobe ist direkt neben meiner... So sind Absolventen. Man erkennt sie am Aufwärmen. Ich muß irgendwie ins Theatre la Puschkin reinkommen! Man munkelt immer Merkwürdigeres davon. Jetzt heißt es, die Künstler verschwänden während der Show durch den Notausgang! Susurro, raunt die Volksstimme, sei sehenswert wegen einer wirklich schönen Idee. Und zu Voltini sagt mein Späher: Das Krasse ist, dass sie das wirklich tun! Ich finde, das bringt die Sache auf den Punkt. Zu Peter Waschinsky könnte man vielleicht ähnliches sagen; eigentlich taugt der Satz sogar zum Schaubuden-Motto. Und dann noch was krass Persönliches: Mein Mann ist da! Jetzt muss ich mich wieder benehmen. Dabei werden die Abende immer gemütlicher, daran ändern auch die späten Barden kein Fünkchen. Nein! Von schlechter Musik laß ich mir nicht ins Glückshorn blasen! In der Midnightshow glänzten die Zärtlichkeiten mit einer bezaubernden Zaubershow. Schülertheater auf höchstem Niveau. Dass sie das wirklich tun! Krass. Die Jugend darf das und wir Alten hatten unser Vergnügen. Morgen gibt es zwei Wichtigkeiten: F. fickt das System zum letzten Mal um 20:30 Uhr! Und: In der Mitternachtsshow erwarten wir kaum jemand anders als ANAMATEUR! (Ich finde Personenkult eigentlich dumm, aber er ist wie eine Welle und reißt mich mit.) Nur dass wir jetzt eigene Schlüpper schmeißen sollen, find ich nicht o.k.. Weil Jörg nach der Show nicht aufsammeln will. Kann man doch wieder verwerfen. Oder? Meldet Euch!
Kerstin Freitag, 8. Juli 2005 Was? Versuch dich zu erinnern! Regen, den ganzen Tag, wieder kein Glück, Gummistiefel eingepackt und dann: Das Wunder von Neustadt! Wo noch gestern tiefer Schlamm, heute ein picobello Platz voll Rindenmulch. So laß ich´s mir gefallen. Was gefällt mir sonst noch? Heute darf ich mich nicht so ausmären, die Leute wollen´s kompakt. O.k., eat this: Ich war bei Voltini! Gruselig war´s, wie die elektrischen Blitze ihre Greifer nach einander ausstreckten. Voltini ist mit Hingabe dabei, Elektra wirkt etwas scheu, aber das ist sympathisch, und schließlich zeigt sie noch ihr Brustpiercing. Jede/r Bürger/in Dresdens soll den Schleudersitz von Jim Whiting benutzen! (Dann wär Schluß mit dieser Sofa-Mentalität.) Leider ist mein Foto nichts geworden. Aber mein Schirm ist wieder aufgetaucht. Die Slampampers waren heute zum letzten Mal zu sehen. Eins muß man sagen: Die haben Kondition. Rhythmusmaschinen. Unglaublich. Ja. Und irgendwie aalglatt.Ich verscheuche die aufkeimende Melancholie mit einem Besuch bei Hikohku Gumo. Hier treffe ich auch die Berner Schauspielstudenten. Gut, dass sie hier sind, in Bern gibt es so etwas ja nicht zu sehen. Georg Traber zeigt eine schöne, ruhige, spannende und auch komische Performance. O, Bühnennachwuchs! Suche wie er eigene Wege! Meide das Festengagement! Oleg Z. Tanzt wie eine zerbrechliche Erscheinung auf einem ewig langen Papierstreifen über den Platz, um für das Theater la Puschkin zu werben. Ich aber kenne meine Pflicht und gehe schnurstracks zu der bekannten Band Zärtlichkeiten mit Freunden, denn die sind nur bis Sonntag hier und brauchen ein bißchen Presse. Die Jungs sind sehr nett und lassen mich so rein. Die Show ist voll Charme und Lebensfreude! Ungefähr so waren vermutlich Debbsch und Lebbsch in ihrer Jugend, nur nicht so sportlich. Die Musik ist o.k.. Geht ruhig hin, ihr werdet fröhlich! Danach zeigen mir die Jungs ihre Mobiltelefone und schwärmen von ihrer Heimatstadt Riesa. Zum Glück bin ich schon verheiratet! Über all das verpasse ich den Anfang der Midnightshow. Endlich da, schlackern mir die Ohren: Die Slampampers spielen im Zentralcafé, unplugged und behelfsbeleuchtet sind die gleichen, die mich vier Stunden vorher kalt ließen, schlicht grandios. Sie reißen das Publikum von den Hockern und klettern bis unter´s Zeltdach Belohnt werden sie mit fliegenden Kuscheltieren und Unterhosen. Ich bin hingerissen. Die Puppenspieler wollen mich zum Alkohol verleiten! Laßt mich, lalle ich,morgen scheint die Sonne, dann muß ich das Glück sein. Und auf dem ganzen Weg nach Hause denke ich darüber nach, was das ist, dieser Schaubudenzauber, der aus kernigen Profis göttliche Künstler macht. Wer kann mir das erklären? Meldet Euch! Kerstin
Donnerstag, 10. Juli 2005. Hat jemand meinen Schirm gefunden? Er ist sehr groß, sehr weiß mit lauter kleinen Totenköpfen. Meldet Euch!! Kerstin 5. Juli, 10:35 |
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